(Das ist ein Bericht aus der Konserve.)
Wir hatten eine Nachbarin, Waltraud, die bereits in den ersten
Monaten der Corona-Pandemie verstorben ist. Sie war eine ganz liebe
Nachbarin und viele Jahre lang aktiv in meiner Handarbeitsgruppe im
Dorf. Von ihrem Küchenfenster konnte sie direkt auf unsere Terrasse
schauen und zeigte sich immer sehr interessiert, wenn ich dort etwas
Kreatives gewerkelt habe. Noch bevor ich den Satz „Komm doch mal rüber“
zu Ende sprechen konnte, stand sie schon da.
Waltraud hat sehr
viel gestrickt, gehäkelt, genäht und gebastelt – ihre Hände waren immer
fleißig. Oft denke ich an sie zurück. Nun ist auch ihr Mann verstorben
und das Nachbarhaus soll verkauft werden. Ihre Tochter fragte mich, ob ich
etwas von ihr als Erinnerung behalten möchte. Ich entschied mich spontan für einen großen Wecker, der auf den Fotos des Immobilienmaklers in einem der
Regale zu sehen war.
Dieser Wecker ist mehr als nur ein Gegenstand für mich. Ich möchte versuchen, ein Miniaturnähzimmer hinein zu bauen. Eine Herausforderung, denn alles ist rund.
Als erstes musste ich den Wecker total auseinander bauen, das Innenleben musste raus.
Diese "Ohren" mussten weg, das ging nur mit einer Eisensäge und war schwer zu händeln. Zuerst mussten sie umgebogen werden, dass war nur im Schraubstock und mit starken Schlägen möglich. Leider habe ich dabei die Gewinde in den Löchern zerstört.
Ich habe das Zifferblatt wieder eingebaut, denn es ist so schön, dass es erhalten werden musste. Die Zeiger wurden einfach angeklebt, denn die Vorderseite sollte so aussehen, als ob der Wecker noch intakt sei.
Danach wurde die Rückwand beklebt und ein gerader Boden eingebaut.
Die Glocken musste ich einkleben, denn die „Ohren“ mit dem Gewinde, an denen sie verschraubt waren, waren ja kaputt. Leider fanden sich auch keine passenden Muttern in meinem Bestand.
Auf den eingeklebten "Boden" kam ein Regal, das wurde nach und nach mit allerlei Nähkram gefüllt. Die unschönen Klebestellen wurden dadurch verdeckt.
Natürlich ist eine Nähmaschine wichtig. Auf die Bodenfläche klebte ich noch ein Schubfach, aus dem ein Stück Stoff heraushängt.
Der
Wecker symbolisiert für mich die vergehende Zeit, das Fortgehen der
Menschen – und doch bleibt manches verbindend
erhalten. Dass ich gerade diesen Wecker ausgewählt habe, wirkt für mich wie ein geschlossener Kreis.
Ich bin mir sicher, Waltraud hätte
sehr genau hingeschaut, jede kleine Detail bestaunt und
wahrscheinlich schon halb über meine Schulter gelehnt gefragt: „Na, was
werkelst du denn da, kann ich mal rüber kommen?“
Und ich finde den Gedanken schön: Wenn ich
künftig dieses Miniaturnähzimmer in der Hand halte und den Wecker anschaue,
sitzt ein Stück von Waltraud wieder mit auf der Terrasse und schaut
neugierig, was ich gerade bastle.
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| Rückseite |
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| Vorderseite |














Hallo Regina, da hast Du wieder ein kleines Kunstwerk gezaubert. Die Geschichte dazu finde ich sehr berührend. Sicher schaut Deine Nachbarin Waltraud von oben zu und freut sich, was du aus ihrem Wecker gemacht hast. LG Doris
AntwortenLöschenLiebe Regina, Waltrauds Nähzimmerwecker ist Dir wieder einmal perfekt gelungen! Besser kann man liebevolle Erinnerungen nicht bewahren! LG Sylvia
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